Was sich unter dem Seidenkleid versteckt


Das Licht ist perfekt, die Location – eine Saune im Paradies. Die einzigen ruckhaften Bewegungen kommen vom Fotografen. Aus seinem Mund kommen Töne, als habe er einen Orgasmus. „Oh ja, gut so..” „Mmmh, das ist perfekt” Sie erwidert nichts, nur die langsame Bewegung ihrer Körpers in andere Postionen antwortet, während er den Blickwinkel ändert und das Klicken der Kamera sich überschlägt. 

Es widert mich an und ich lege den Gedanken ab, nein so abartig können sie doch nicht sein. Und wenn doch? 

Februar 2019 in der Elle abgedruckt, eine Frau unter der Dusche, das Wasser rinnt tröpfchenweise ihren Körper hinab. Sie ist bildhübsch, mit dünnen Armen und dunklen Linien an den Flanken- Rippen hinter der dünnen makellosen Haut. Die Brust klebt am Rücken. Das Einzige, was zu sehen ist, sind die Brustwarzen. 

Die weite Hose verbirgt ihre Beine, aber ihr Rücken zeigt sich in seiner Gänze und ich kann jeden Wirbel sehen. Sie steht an der Küste, denn im Hintergrund schlagen Wellen gegeneinander und sie genießt es. Die dünnen Haare hängen schlaff.

Elle Germany 2019

Was will mir dieses Bild jetzt sagen? Soll ich mir jetzt fett vorkommen? Was will die Modebranche mir vermitteln, wenn ich die leeren Augen der Models sehe während sie ihre dürre Nacktheit präsentieren? Soll ich denken, dass ich teurer Mode nicht würdig bin, wenn meine Knochen nicht aus der Haut herausstechen?

Tatsächlich, hatte ich eine Phase, in der mein Becken herausstach aus meinen Hüften und meine Rippen hervortraten – im Gegensatz zu meinem Busen und meinem Hintern.  Mein Schlüsselbein zeigte sich deutlicher als mein Gesicht und meine Augen waren von graublauen Ringen umrandet. Auch meine Haare hingen leblos herab und wurden immer weniger. Schöne Kleidung bekam ich nicht, auch keine Fototermine. Im Gegenteil wurde ich in eine Klinik gesteckt. Abgesehen davon, konnte mich Kleidung nicht mehr zufrieden stellen, nicht mehr besser aussehen lassen. Egal was ich anzog, es hing einfach wie an einem Bügel. Mein Körper war so kantig und zerbrechlich geworden, auch wenn ich das nicht so stark wahrgenommen hatte.

Es gab Tage an denen ich mich nicht sehen wollte- ich war so ekelhaft, so massig.   Manchmal aber lächelte ich mir entgegen und kam mir so hübsch und elegant vor. Leicht und schamlos fühlte ich mich, doch die Beachtung und Zuneigung, die ich mir unbewusst erhofft haben muss, bekam ich nicht. 

Die dünnen Mädchen der Modelabels, die so präsent und selbstverständlich auf Postern und Fotos abgebildet sind, haben diese Anerkennung wahrscheinlich erhalten und sie sind dabei geblieben, noch mehr an sich zu arbeiten. 

Professionell sollen sie wirken, seriös, aber ich sehe nur den leeren Blick, der mich von der Innenseite der Glanzzeitschrift anschaut.

Roberto Cavalli Spring 2019

„Sie sieht nicht glücklich aus, ganz im Gegenteil” Glaubt jedoch niemand, dass sie unvergleichliche Glücksgefühle empfinden kann.  

Unser Körper wird von vielen Faktoren beeinflusst, unteranderem vom Hormon Serotonin, das ausgeschüttet wird, wenn wir glücklich sind, aber auch wenn wir uns nur aufs leisten, arbeiten und bewegen konzentrieren, wenn wir damit an unsere Grenzen stoßen und nicht essen. Es fühlt sich an, als habe man etwas erreicht oder ein kleinen Schub der Kraft, des Adrenalins bekommen, wie ein Marathonläufer, der sein Ziel vor Augen sieht. 

Dadurch motiviert, heißt es nur noch etwas mehr formen, etwas mehr tun und mehr von diesen Glücksgefühlen fühlen. 

Dann gibt es auch Beachtung, dann gibt es auch Verträge. Dann darf ich mich zeigen und gesehen werden. Ist es nicht das Ziel eines jeden Models? 

Was macht man nicht alles für das Glücklich sein und wenn es heißt, ein bisschen dürr zu sein na und, wenn man dafür erfolgreich und beachtet wird.

2018 und bei Germany’s Next Topmodel ist zum ersten Mal eine „normales” Mädchen im Finale. Fragt sich jetzt nur:  Ist sie für Klums Image so weit gekommen oder hat sie tatsächlich den Blick für nicht-magersüchtige Schönheit geschärft? Ich liebe die Kurven aus üppigen Busen und wohlgeformten Hintern, am besten mit ausdrucksstarkem Gesicht. 

Solche Mädchen bekomme ich sehr selten zu sehen und wenn, dann sind sie sicher eigentlich Schauspielerinnen, eigentlich nicht in der Modebranche.

 Ich verstehe nicht, warum dünne Models bevorzugt werden und viel häufiger erscheinen, wenn doch alle an Gesundheit appellieren und normal „dicke” Menschen viel lieber auf Fotos sehen. Wie kann das Ideal den Zustand darstellen, den wir vermeiden wollen? 

Ich kenne so viele berühmte Frauen, die ganz sicher als dick abgestempelt würden, wären sie nicht berühmt. Stattdessen werden sie überladen mit Fotoshootings und Testimonie. Ich glaube nicht daran, dass es nur am Status liegt. Wir sehen einfach Persönlichkeit. Da wo kein Körper ist, kann auch kein Platz für Persönlichkeit sein.

Alle sagen, wir dürfen so nicht weitermachen, aber dünn bleiben sie noch immer. Oversize-Models gibt es doch auch. Ja, aber die Magersüchtigen gibt es noch immer- für wen? 

Wer hat den Gewinn, wer das Kapital? 

Wer will mir erzählen, dass wir uns in eine so viel bessere Richtung bewegen. Schaue mir die Show von Versace 1992 auf Youtube an und bin erstaunt wie natürlich und lebendig die Models laufen. Ohne eingesunkene Wangen oder knochige Beine. Sie schwingen die (vorhandenen ) Hüften und formen die Kleidung. Sie sind makellos – mit allem wonach die Frauenzeitschriften preisen: geformte Beine, Busen, Bauch, Gesäß. Klar, sie sind schlank, realitätsferner als die durchschnittliche Frau, aber wenigstens sind sie lebendig und kein Gerippe. 

Überall das selbe Bild der verkommenen Schönheiten, die sich mit Grazie maskieren.

Ist ein leerer müder Blick jetzt das neue Schönheitsdeal? Gekrönt von schmaler Statur mit dünnen knochigen Beinen und ausgehungerter Brust. 

In der Schule stand fast immer die Frage im Raum – Was will der Künstler/Autor/ Dichter damit sagen? Was ist seine Intention? So, nun frage ich mich, was wollen die Modeindustrie, Designer und die Herausgeber teurer Magazine mir sagen, wenn ich mir Bilder von dürren Mädchen in schönen Kleidern anschaue? 

Denke man durchweg rational und kapitalistisch, ist das Ankleiden magerer Models viel Stoff sparender und damit auch weniger teuer. Die Mannequins müssen ja den Modellen entsprechen und wenn diese auch noch etwas dünner sind als die eigentlichen Entwürfe, na umso besser.
Der Grad dieser Kaltblütigkeit und Unmenschlichkeit ist so enorm, dass ich unsere Gesellschaft als zu gut dafür betrachte. Hoffentlich bin ich nicht allzu naiv, das zu glauben. 

Gab es jemals eine Zeit in der sich Models von den Frauen, die tatsächlich auf den Straßen liefen, unterschieden? Kurzes Gedankenspiel: Was würde passieren, präsentiere man ein Model aus der Zeit der 50er Jahre? So ganz hypothetisch. 

Aus heutiger Zeit betrachtet liegt die Modelfigur unter dem Durchschnitt – In der normalen Welt, in der ich lebe, in der Stadt, in der ich Menschen sehe, gibt es nur einen sehr kleinen Anteil, die wirklich wie aus einem Modemagazin herausgeschnitten sein könnten. Davon sind wahrscheinlich die Hälfte magersüchtig.

Ja allein in Deutschland liegen die Zahlen der Menschen mit Magersucht zwischen    150 000 und 200 000, wobei viele von ihnen noch nicht einmal 20 Jahre alt sind ( Institut für Diätetik und Ernährungsmedizin ).

Mag sein, dass Modezeitschriften nicht für jüngere Generationen publizieren, aber verschließen können sie denen die Augen nicht. 

„Achtet überhaupt jemand auf das Model, wenn Mode gezeigt wird?” Ein äußerst scharfkantiger Einwurf, der natürlich Skepsis aufwirft, denn natürlich denken alle Mädchen/Frauen nicht sofort, sie müssen ebenfalls so dünn sein, um als schön, als modelgleich, gesehen zu werden. Wenn die Mode im Mittelpunkt steht, was kümmern einen dann die Models? Vielleicht tun sie das ja nicht, aber bemerken, aufnehmen und verarbeiten wir dennoch das Bild in seiner Gänze. Die Ästhetik, wo bewegt sie sich hin. Welches Auge wird geschmeichelt von ausgehungerten  Schönheiten? 

Verstohlen blättere ich in den glänzenden Seiten der zahlreichen Zeitschriften, blicke  die Models mit ihrer schönen Haut und ihrer Eleganz an. Es ist nicht nur die Kleidung, die sie präsentieren – Sie verkörpern die Gesellschaft und deren Werte, allein durch sich und ihren Körper, ihren Ausdruck und ihren Hintergrund. 

Ich will nicht so sein, ich muss nicht so sein und doch ist da eine stille Botschaft:  „Das ist die Schönheit, wie sie gesehen werden will, wie sie nicht nur akzeptiert, sondern auch vergöttert wird.” 

Alles Interpretation könne man meinen, doch die ist auch einfach ein Teil unserer Wahrnehmung. Unbewusst und schleichend. Langsam wurde das Bild, wie Frauen auszusehen haben, verändert. Wie wir aussehen sollen, entscheiden wir zwar selbst, doch das Ideal verschiebt sich immer mehr in Richtung Size 0.